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    Horst Giegl
In den meisten Büchern zur Göttin wird unter den Rubriken Besonderheiten bzw. Umbauten einer schwarzen Sechszylinder-Déesse aus Wien zumindest ein Absatz gewidmet. Als Österreicher und langjähriger Citroënist interessierte mich deren Entstehungsgeschichte ganz besonders. Gehen wir zunächst zum Nachlesen an den Bücherschrank:
Das meiner Kenntnis nach erste DS-Buch, das "L’Album de la DS" von Jacques Borgé und Nicolas Viasnoff, erschien 1983 beim EPA-Verlag in Paris. Das Autoren-Duo erwähnte auf Seite 155 dort bereits auch "die DS", welche sich "ein österreichischer Industrieller in den 60er Jahren entwickeln und bauen lassen habe". Auf die zwei großen Rundinstrumente "von Fiat" so wie den Tunnel zum Inneraum wegen des längeren Sechszylinder-Motors wurde mit drei Bildern und Bildtexten hingewiesen.
Otto Meyer-Spelbrink aus Hannover, Anfang der 1980er Jahre selbst Besitzer dieses besonderen Wagens (so wie damals überhaupt einer umfangreichen Sammlung von Déesse-Pretiosen), beschrieb schon in Heft 4/85 der "Hydraulischen Presse", der Clubzitschrift des deutschen DS_Clubs, den Kauf des Wagens und seine Sicht von dessen Geschichte. Er hatte ihn durch den Tipp eines Schweizer Freundes von einem Lancia-Sammler aus Österreich gekauft, genauer aus Stockerau bei Wien. Der wiederum hatte den Wagen nach einem Todesfall 1979 en bloc mit etlichen Lancias gekauft, konnte aber mit der DS wenig anfangen. Laut damaligem HP-Bericht war die "sechsy" Göttin so entstanden: "Und niemand anders als die Zweigstelle Citroën-Österreich ging an diese Arbeit ran (Einen 6-Zylinder in die DS zu setzen; AdA.). In Paris wusste man sehr wohl etwas über die Experimentierfreudigkeit der Austrianer und man unterstützte die Anstrengungen sogar mit finanziellen Mitteln. So wurde dann reichlich ausprobiert und bei der Motorenschmiede Smoliner und Kratky zu Wien entstand der bis heute einzig bekannte Sechszylinder-Prototyp eines DS". Beim neuen Besitzer selbst sahen die zwei Rund-Instrumente "auch verdammt nach Lancia" aus. Dass die Basis des gesamten Autos eine handgeschaltete ID 19 war, nachträglich mit Servolenkung der DS versehen, wurde im HP-Artikel nicht verschwiegen. "Außer ein paar PR-Fahrten", wofür auch immer, sei der Wagen nicht verwendet worden und der "Herr Generaldirektor" von Citroën Österreich habe sein Auto kaum benutzt. Er habe es, berichtete Meyer-Spelbrink weiter, dann "in seine Tiefgarage zu den Lancias", die er auch sammelte, gestellt, "und dort blieben sie alle fast zwanzig Jahre". Stammten alle Informationen von dem zweiten Lancia-Sammler oder hatte der Autor selbst recherchiert? "Frau Generaldirektor segnete dann 1979 das Zeitliche und hinterließ die unangerührte Sammlung ihres Gemahls, was nun wiederum unseren Sammler aus Stockerau auf den Plan rief", endet die Beschreibung der Vorgeschichte. Meyer-Spelbrink schilderte dann noch plastisch die immensen Schwierigkeiten, diese schwarze Über-Göttin wieder in Betrieb zu nehmen.
Es hatten nämlich schlaue Zeitgenossen zwischenzeitlich die rote Hydraulik-Flüssigkeit mit grüner aufgefüllt, in einem Wort: Katastrophe. Doch nach etlicher Zeit schien der hannoverianische Besitzer sich auch an diesem DS hin und wieder fahrerisch erfreut zu haben, jeweils allerdings per Temporär-Zulassung, wie er im Club-Blatt bekundete.
In seinem Werk „Das Citroën DS Buch“, erschienen 1989 im Podszun-Verlag, schilderte Hans Otto Meyer-Spelbrink erneut natürlich auch diesen Wagen, dort freilich kürzer. Unter der HP-Überschrift „Wiener Blut“ heißt es dort (S. 87): "In Anlehnung an die Tatsache, daß ein DS-Motor aus dem Block des 4-Zylinder-Tractions und einem modernen Querstromkopf besteht, gibt die österreichische Citroën-Generalvertretung Anfang 1960 der kleinen Motorenschmiede Smoliner und Kratky den Auftrag, für den DS einen 6-Zylinder-Motor, bestehend aus dem Block des 6-Zylinder-Tractions und zwei zusammengeschweißten DS-Querstrom-Zylinderköpfen, zu konstruieren".
Autor Fabien Sabatès widmete in seinem Werk "La DS - objet de culte" (Massin Editeur), dessen deutsche Übersetzung in der HP erschien und den dt. Clubmitgliedern nun exklusiv durch die unlängst erschienene CD gebündelt vorliegt, die Seiten 76 und 77 der "einzigen 6-ZylinderID". Er bezog sich in seinem Text ausdrücklich auf den Kollegen Meyer-Spelbrink und berichtete nun schon von Kontakten, die der ehemalige "Citroën-Direktor in Österreich" zum Entwicklungs-Büro der Marke in Paris gehabt habe. Schon in den 50er Jahren habe er die Idee eines Sechszylindermotors in der DS verfolgt. Darüber hinaus vermutete Sabatès, Citroën France hätte damals einen Teil der Kosten für den Bau dieses "Prototyps" übernommen, wohl mit Gedanken an eine kleine Serienfertigung. Der Auftrag zu dem Umbau wäre dann an eine "société de forge Smoliner und Kratky" ergangen – im Zuge wahrscheinlich einer Übersetzung war aus dem deutschen "Motorenschmiede" ein "Schmiedebetrieb" geworden. Stammten auch die restlichen Überlegung aus einer Überbewertung des Meyerschen Begriffs "Prototyp"? Sabatès bezeichnete das Auto korrekt als ID, die, wie er schreibt, direkt "am Javel gekauft" worden sei, also im berühmten Stammwerk in Paris. Auf den Farb-Fotos von Seite 77 ist im Sabatès-Buch die rote deutsche Nummer aus Hannover genau so erkennbar wie noch das österreichische Länderkennzeichen A auf dem Kofferdeckel des schwarzen Autos mit seinem markanten AEAT-Stoffschiebedach und den zwei Auspuffrohren rechts und links.
Autor Olivier de Serres gab in seinem Standardwerk "DS - Le Grand Livre", erschienen 1992 bei EPA, vorsichtigerweise die Angaben des "deutschen Sammlers, der das Auto entdeckte", in indirekter Rede wieder. Dessen Erzählung nach sei der Wagen, eine ID, in den Jahren 1960 bis 1961 im Auftrag des österreichischen Citroën-Direktors entstanden, liest man auf Seite 303 neben einem Foto der "Sechsy-DS" mit ihrer unverkennbaren Hauben-Hutze.

© Palden 2005