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| CITROËN DS. Die Zukunft wird 50, in aller Frische. Also reisen wir auf fremder Achse in die Vergangenheit und veranstalten den zeitlosesten Verkehrsstau, den Paris jemals gesehen hat.
VON MARTIN STRUBREITER (TEXT) UND |
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| Man vergisst ja oft, wie leicht da etwas hätte schief gehen können, schließlich wars auch damals nicht selbstverständlich, dass ein Auto fast 20 Jahre lang von Bildhauern, Querdenkern und tüftelnden Autodidakten erschaffen wird, denen die Konzernleitung eine lange Leine lässt. Hätte nur ein Einziger der Visionäre gefehlt, dann wäre aus der DS ein Oldtimer geworden, dem man heute liebevoll das Blech tätschelt, wenn das Wetter mild ist. Bei Citroën überlebten die hoch fliegenden Ideen damals auch nur, weil sich die Firma in ein Paralleluniversum ausgelagert hatte. Zum Beispiel das Einspeichen-Lenkrad. André Lefèbvre, Konstrukteur schon des Traction Avant und des 2CV, bestellte bei einem Techniker ein Lenkrad mit nur einer Speiche, und der brüllte zurück, ob er vielleicht bald ein Lenkrad ohne Speichen fertigen sollte. Wir wissen, wer sich durchgesetzt hat, und das Lenkrad ohne Speichen würden wir heute gerne in die Hand nehmen, lieber als die designfreien Volants mit krapfenförmigen Naben. Als die DS am 6. Oktober 1955 am Pariser Salon enthüllt wurde, war sie eine Traumtänzerin auf dünnem Eis, die Vorwegnahme einer Zukunft, die so radikal nie eintreten sollte: Eine Karosserie wie ein UFO, entworfen vom Bildhauer Flaminio Bertoni, Frontantrieb, Scheibenbremsen vorne (als erstes Serienauto), hydropneumatische Federung, Servolenkung, rahmenlose Seitenscheiben. Gebremst wurde durch Antippen eines Gummipilzes am Bodenblech, zum Schalten reichte es, die Gänge mit einem kleinen Hebel hinter dem Lenkrad vorzuwählen, den Rest erledigte die von Paul Magès entwickelte Hydraulik. Das Kürzel DS zerfloss im Französischen zur Déesse, zur Göttin, eine wunderbare Ergänzung. Am Tag der Vorstellung brachen die Telefonleitungen aller Nachrichtenagenturen zusammen, was davor erst einmal passiert war, 1953, bei Stalins Tod. Nach 45 Minuten hatten 745 Interessenten einen Kaufvertrag unterschrieben, nach dem ersten Tag waren es 12.000, am Ende des Salons 80.000. Kein Einziger war vor dem Unterschreiben jemals in einer DS gefahren. |
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Das Überzeugen der anderen Mitfahrer war nicht schwer, Robert hatte seiner Frau Martina die Reise überaus geschickt untergejubelt („Ich fahre für drei Tage nach Paris, kommst eh mit?“) und sicherheitshalber die Sache mit den 1600 DS verschwiegen. Und Jürgen war als Fotograf erste Wahl, immerhin besitzt er auch einen Citroën, einen ZX mit rund 300.000 km, Genaueres lässt sich nicht sagen, seit vor zwei Jahren der Tacho ausgefallen ist. |
Auch passt das Hotel perfekt zu unserer DS, vom Alter her, es befindet sich aber bis zu den braunen Fliesen im Originalzustand. Im Bad hängen ein Handtuch, das an den Konturen ausfranst wie eine rostige Türunterkante, und ein Waschlappen. Auch schon lange keinen mehr gesehen. |
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Niemand erwartet einen reibunhslosen Ablauf. Es soll ja schon Citroëntreffen gegeben haben, wo die Spitze des Konvois am Ziel war, bevor die Letzten den Treffenplatz verlassen hatten. |
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Noch immer bin ich übers Fühlen nicht hinausgekommen, auch wenn der Anblick mittlerweile sehr traurig stimmt. Was ich damit sagen will: Dies ist ein Bericht eines Verrückten, der im Vollbesitz seiner Entzugserscheinungen zusteigt. * Das Hotel in Mouthier-Haute-Pierre nahe Dijon wirkt eher verlassen, der erste Eindruck erinnert ein wenig an „Shining“, nur dass die Wirtin nicht aussieht wie Jack Nicholson. |
Zumindest prinzipiell. * Michael ist also auch angekommen. Fast wären Jürgen und ich bei ihm mitgefahren, allerdings waren wir dann im Zuge der Vorbereitungen ein bisserl zu feig. Michi hat sich nämlich sechs Wochen vor dem Treffen zur Teilnahme entschlossen, immerhin konnte er aus einem Fundus von vier Citroën DS wählen. Man sollte sich das Ensemble aber eher als privaten Schrottplatz vorstellen, jedenfalls zupfte er das Wrack mit der besten Substanz heraus und wurde fortan nur selten außerhalb der Werkstatt gesehen. |
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| Nach 121 eingeschweißten Blechen ist das Chassis jetzt wirklich sauber und gesund, für die Karosserieteile blieb dann nur mehr wenig Zeit übrig, auch die Reinigung von Innenraum und Fingernägeln ist sich vor der Fahrt nach Paris nimmer ausgegangen. Einen kleinen Rückschlag gab’s davor nach der zweiten erfolglosen Pickerlprüfung, im ersten Groll schaust du eben nicht immer nach, ob der Prüfer die Motorhaube auch ordentlich verriegelt hat. Also kam Michi in den Genuss eines weiteren konstruktiven Vorzuges der DS: „Durch den runden Ausschnitt der Motorhaube siehst du auch wirklich noch tadellos raus, wenn sie unterwegs auffliegt.“ Michi holt sich jetzt bei Robert ein paar Tipps zum Überholen von Motor und Lenkung, eine kleine Krise gibt’s nur, als er mit einer geöffneten Sardinendose auf den neu bezogenen Sitzen Platz nehmen will. * Natürlich ist der Konvoi durch Paris der Höhepunkt des Treffens, nach drei Tagen der Vorfreude brummen die Erwartungen auf Hochtouren. Nicht so hoch sind die Erwartungen an den reibungslosen Ablauf, es soll ja schon Citroëntreffen in Frankreich gegeben haben, wo die Spitze des Konvois am Ziel war, bevor die Letzten den Treffenplatz verlassen hatten. |
„Du musst aus dem Ellenbogen heraus winken“, sagt Robert, er hat sich das von Queen Elizabeth abgeschaut, einer anerkannten Instanz beim Winken ins Volk. Überhaupt hat er jetzt jede Angst ums Auto abgelegt, mischt sich freudig in den Stau, wie man sich eben mischt, wenn man den Traum einer Parisreise mit dem Traumauto sehr lange aufgeschoben hat. * Am 24. April 1975 lief nach 1,46 Millionen Stück der letzte Citroën DS vom Band. Ein wenig voreilig, wie die Fans meinen. |
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© Palden 2006